„Karussellfleisch“ – oder „Der erste Döner kam aus Degerschlacht“
„Karussellfleisch“ – oder „Der erste Döner kam aus Degerschlacht“
Wo und wie in Reutlingen der erste „Deutsche Döner“ entstand und warum er einst „Karussellfleisch“ hieß
Ein Stück Degerschlachter Geschichte – erzählt von Wilfried Gehr
Wer hat’s erfunden?
Es gibt manche Geschichten um die Entstehung des „Deutschen Döner“.
Berlin behauptet und weist offiziell nach, dass türkische Berliner ihn 1972 erstmals dort angeboten haben. Das mag ja stimmen.
Den ersten Döner gabs 1969 beim Reutlinger Stadtfest
Nachweislich gab es aber schon beim ersten Reutlinger Stadtfest im Jahr 1969 einen Döner in dieser heutigen Form.
Allerdings wurde er beim Stadtfest als „Karussellfleisch“ verkauft, weil die Erfinder dachten, dass die Reutlinger nichts mit den Worten Döner oder Giros anfangen können.
Um die Entstehung und das wer und wo findet man im Internet viele Geschichten und Spekulationen.
“ Als Zeitzeuge kann ich zur Aufklärung beitragen:“
An den Ausführungen im Netz, dass es ein Grieche war, der den Deutschen Döner erfunden hat, dass Stelios Kantos dabei war, dass Leberkäse mit drin war, dass die Verkaufspremiere beim Stadtfest Reutlingen 1969, also zwei Jahre vor Berlin war, ist was dran!
Die ganze Geschichte:
Als das erste Reutlinger Stadtfest 1969 anstand wollten sich auch die Degerschlachter Vereine und Wirte einbringen.
Gastwirt und Pächter im Sportheim des SV Degerschlacht war damals der pfiffiger Grieche „Apostolos“. (Später hatte Apostolos lange eine griechische Gaststätte am Reutlinger Bahnhof).
Die Idee vom riesigen Fleischspieß wie in der Heimat
Apostolos hatte die Idee von einem riesigen Fleischspieß, wie er ihn ähnlich von seiner Heimat in Erinnerung hatte und das Rezept kannte er nicht mehr.
Einen grossen Spieß hatte er auch nicht. Aber die Leute am Stammtisch im Degerschlachter Sportheim haben geholfen.
Ein dort hängender recht grosser gusseiserner Halter für eine 3-Liter oder 5-Liter Flasche Scharlachberg Meisterbrand wurde als Ständer und Basis für den Spieß auserkoren.
Flaschenhalter mit Kurbel zum Drehen
Der Schlosser vom Ort, Rudi Lumpp, wurde beauftragt, einen riesigen Spieß zu fertigen und diesen mit einer Kurbel zum Drehen an den Halter zu bauen.
Als Fleischheizung brachte Karl Schelling von der Firma Wagner am Buckel einen alten Elektroofen der dort beim Pförtner stand, ein.
Elektroofen von der Firma Wagner
In der Zimmerer-Werkstatt von meinem Vater, Wilhelm Gehr, in der heutigen Martin Knapp Straße wurden dann der gusseiserne Ständer und die Heizspiralen aus dem alten Ofen auf ein sehr dickes eichenes Holz, das eigentlich als Treppenstufe vorgesehen war, geschraubt. Für den Anfang wurde der Spieß von Hand gedreht. Später sollte dann noch ein Motorle angebaut werden.
Beim Einschalten flog die Sicherung raus
Weil beim Einschalten der abenteuerlich an die Spießform angepassten Heizspirale aus dem Ofen immer wieder die Stromsicherung raus flog, wurde extra der Elektriker Weber aus Wannweil angefordert. Der hatte eine Lösung gefunden.
Hier fing alles an: Im Sportheim Degerschlacht gab es schon 1969 den ersten deutschen Döner – zwei Jahre bevor die Berliner ihn entdeckten.
Der Spieß auf der Hobelmaschine
Der Testlauf mit Probeessen fand dann auch in der Werkstatt der Zimmerei statt. Apostolos brachte das Fleisch und tatsächlich auch Leberkäse mit. Er und Stelios bestückten den Spieß auf der Hobelmaschine. Was die da reinpacken weiss ich nicht. Alle hatten aber ihren Spaß.
Knoblauch aus Sickenhausen und Weckle vom Degerschlachter Bäcker
Sepp Litter musste extra nach Sickenhausen fahren, weil nur er den benötigten Knoblauch zuhause hatte. Wilhelm Knapp und ich haben damals erstmals Knoblauch gesehen und ihn kalt gegessen.
Birgit Saur und ich mussten später Weckle vom Degerschlachter Bäcker holen. Dann ging es los.
Testessen und ein flambierter Fleischspieß
Zum Testessen in der Werkstatt waren der frühere Bürgermeister Manfred Saur, Karl Schelling, Heinz Jedele, Hans Vogel, Ernst Weimar, Erich Rist, Kurt Pfanner, Rolf Grauer, Kurt Schmid, Wilhelm Knapp, Ewald Kirschbaum und Richard Schäfer sowie die Kinder Birgit Saur und ich da.
Richard Schäfer brachte eine riesige Flasche Scharlachberg Meisterbrand mit. Irgendwann haben die Feiernden dann sogar den Fleischspieß mit dem Weinbrand flambiert.
Das größte Messer im Dorf für die Griechen
Heinz Jedele hat das große Messer, mit dem die Griechen das Fleisch abschnitten, immer wieder mit einem Wetzstein für die Sense scharf gemacht.
Weil sehr viel Fett auf die Holzplatte getropft ist, wollte Ewald Kirschbaum über seinen Schwager noch eine hygienische Schale aus Nirosta bei der Firma Rieber in Betzingen besorgen.
Fleisch und Joghurtsoße im Weckle ohne Teller
Da nicht genügend Teller da waren, hat Apostolos das Fleisch und die Joghurtsoße mit Gurken, welche die Frau von Apostolos brachte, einfach direkt in die aufgeschnittenen Weckle gesteckt. Flecken in der Kleidung und auf dem Werkstattboden als Folge waren klar.
Diskussionen um den Namen
Wegen dem Namen für das neue Fleischgericht beim Stadtfest gab es Diskussionen. Die Leute waren der Meinung, dass niemand von den Festbesucheen mit den Bezeichnungen Kebab oder Giros etwas anfangen kann und das zu ausländisch klang.
Es wurden Namen dann Namen wie „Cognacfleisch“, „Griechen-“ oder „Türkenfutter“ genannt.
Am Schluss haben sie sich die sehr lange Feiernden dann auf Karussellfleisch geeinigt. Als solches wurde der Kebab dann auch beim Stadtfest verkauft.
Karussellfleischessen auf dem Marktplatz beim Stadtfest
Beim Stadtfest selbst hatte die Feuerwehr Degerschlacht, bei der ich war, mit einem Nagelbalken ein gutes Geschäft gemacht. Deshalb haben wir uns selbst zum Karussellfleischessen auf den Marktplatz eingeladen.
Wer hats erfunden? Wir Degerschlachter!
Es ist also definitiv klar, dass der erste „Deutsche Kebab“ in Reutlingen, genauer gesagt in Reutlingen-Degerschlacht, entstanden ist. Die Antwort auf „wer hat’s erfunden“ ist damit klar!
Wilfried Gehr
















