Eierlikör
Eine Kriminalkomödie von Gabriele Lukas
Erschienen im Verlag R. G. Fischer
Ein ganzes Dorf voller Geschichten
*
In Mittenau ist einiges los. Menschen sterben unter merkwürdigen Umständen, die Polizei ermittelt, Rocker und Förster liegen miteinander im Clinch, Klimakleber besuchen einen Swingerclub, eine 87-Jährige bastelt Molotowcocktails, der Staatsschutz bekommt Käsekuchen und irgendwo dazwischen wird immer wieder Eierlikör getrunken.
Eigentlich ist das herrliches Material für einen ziemlich schrägen Dorfkrimi. Und immer wieder zeigt Gabriele Lukas, was darin stecken könnte. Besonders gelungen fand ich beispielsweise die Szene mit Oma Irmtraud, die acht Männer vom Staatsschutz zunächst für Kommilitonen ihres Urenkels hält, sie hereinbittet, mit Käsekuchen versorgt und einen der Beamten kurzerhand zum Tischdecken einteilt. Da entstehen Figuren, Situationskomik und Bilder im Kopf. An Einfällen mangelt es dem Roman wahrlich nicht.
Mein Problem war vielmehr: Es sind zu viele.
Vor allem sind es zu viele Menschen. Sehr viele Menschen. Sie werden mit Vor- und Nachnamen eingeführt, häufig mit Alter, Beruf, Aussehen, verwandtschaftlichen Beziehungen und Vereinszugehörigkeit. Manche verschwinden danach wieder, andere tauchen viele Seiten später erneut auf. Dann werden sie vorsichtshalber noch einmal vorgestellt. Bei einer Vorstellungsrunde lässt die Autorin eine Figur schließlich selbst sagen: „Ich glaube, das waren erstmal genug Namen …“
Dem konnte ich mich nur anschließen.
Irgendwann fühlte ich mich weniger wie eine Krimileserin als bei einer Partie „Wo ist Walter? – Mittenau-Ausgabe“. Wer sitzt im Biergarten? Wer steht an der Bushaltestelle? Wer gehört zur Feuerwehr, zum Rockerclub, zum Chor, zum Klöppelkreis? Und wer war jetzt noch einmal mit wem verwandt, liiert oder nur gelegentlich liiert?
Dabei zeigt der Roman immer wieder, dass es auch anders geht. Ein einziger Satz wie Trudis Beschreibung des gutaussehenden, aber nicht übermäßig intelligenten Gerrit – er sei „blond bis zur Fußsohle“ – zeichnet eine Figur besser als eine halbe Seite biografischer Daten. Davon hätte ich gern mehr gehabt.
Ähnlich geht es mir mit den vielen Einfällen. Wenn Dr. Hilf auf der Suche nach den Paintball-Freunden versehentlich bei Selbsthilfegruppen, einem Töpferkurs, einer Urschrei-Therapie, Blockflötenkindern, einem Literaturkreis, dem Blauen Kreuz und der Yoga-Gruppe „Muße statt Buße“ landet, sind darunter wirklich komische Ideen. Nur stehen so viele davon hintereinander, dass sie sich gegenseitig die Pointe nehmen. Zwei davon als ausgespielte Szenen wären vermutlich sehr viel lustiger gewesen.