„Wann ist Bescherung?“
Fienchen macht die Augen auf.
Draußen ist es dunkel.
Ruhig.
Ein Kätzchen scharrt im Katzenklo. Es gnurpst und knabbert. Manchmal ein leises „Pling“, wenn ein Kätzchen mit dem Trockenfutter an die Porzellanschüsse klopft.
Fienchen liegt ruhig im Bett.
Sie hat ausgeschlafen und lauscht auf die Geräusche des Weihnachtsmorgens.
„So fühlt sich Weihnachten an“, denkt sie und schaut zu, wie hinter dem kleinen Dachfenster nach Osten hinaus der Himmel langsam heller wird.
Heiligabend vor 60 Jahren.
Auf dem Wohnimmertisch duften die Plätzchen. Die Mutter hat Torte gebacken. Mohn- und Pfefferkuchen.
Die Kerzen brennen. Das Kaffeearoma erfüllt das kleine Häuschen. Draußen fängt es um halb vier schon an zu dämmern.
„Wann ist Bescherung?“, fragt Tante Elli.
„Um 18 Uhr“, antwortet ihre Schwester streng.
Der „Gupta“ aus Indien, mit dem Papi zusammen arbeitet, ist schon da. Er wünscht sich eine Frau, erzählt Papi seiner Familie. Deshalb hatten sich die Kollegen zusammen gesetzt, und wollten eine Heiratsanzeige aufgeben. „Ich bin nicht reich, hab kein Vermögen“, hatte Gupta erklärt und „das sollte in er
Anzeige schon drin stehen.“
„Klar“, waren seine Kollegen auch gleich einverstanden. Papi hatte verschmitzt gegrinst. „Wir wollen doch, dass du einen guten Eindruck machst. So ein paar Fremdwörter wären schon passend“, fand er. „ „Unvermögend“ – das Fremdwort dafür wäre „impotent“ – „Impotenter Mann sucht Frau fürs Leben.““ Alle Kollegen haben gekichert, Gupta hat nichts verstanden.
Aber sie haben die Anzeige so natürlich nicht aufgegeben.
Gupta gehört dazu, ist Teil der Belegschaft, akzeptiert.
Fachlich kompetent, menschlich einfach sympathisch. Gupta trinkt Tee. Wie Papis Kollege Ali Beser auch. Das „s“ im Namen hat so ein Kringel darunter .
Alis Tochter heißt Leyla
Ali hat eine Tochter in Fienchens Alter. Die heißt Leyla. Und heute sitzt sie zum ersten Mal mit ihrem Vater mit Fienchens Familie unterm Weihnachtsbaum. Vermutlich ist es ihr erstes Weihnachten überhaupt. Genau so wie das von Gupta auch. Der Papi fand, die beiden Mädels sollten in Kontakt bleibe. Es sei gut, wenn jede etwas von der Kultur der anderen erlebt.
Das bildet fürs Leben.
Fienchen ist begeistert von Leyla. Sie mögen die gleichen Bücher, die gleichen Spiele. So viel anders sind Türken also gar nicht.
Die drei Kolleginnen von Tante Elli kommen aus den Philippinen. Sie haben zu diesem feierlichen Anlass – Weihnachten eben – ihre Festtracht angezogen. Sie haben Lieder aus ihrer Heimat mitgebracht und singen.
„Wann ist denn endlich Bescherung?“ fragt Tante Elli, die es nie erwarten kann.
„Nun lass uns doch noch ein bisschen zusammen sitzen. Es ist doch noch nicht 18 Uhr“, schüttelt ihre Schwester wie immer den Kopf.“
„Aber es ist doch schon fast dunkel draußen“, bohrt Tante Elli, die jüngere weiter.
Sie ist jedes Jahr die neugierigste und durchsucht schon Tage vorher die Schränke nach Weihnachtspäckchen. Ob sie je etwas gefunden hat? Das hat sie all die Jahre für sich behalten.
Siegfried hat seine neue Freundin Christel mitgebracht. Sie kommt aus Münster. Da ist Siegfried beim Bund. Siegfried muss im Elternschlafzimmer schlafen. Christel schläft in Siegfrieds Zimmer. Alleine. Weil sich das so gehört. Nachts schleicht Siegfried sich dann rüber. Fienchens Mutter hat einen leichten Schlaf. „Nein, Siegfried, das geht nicht, du bleibst hier“, pfeift sie ihn zurück. Am Ende ist sie trotzdem schwanger geworden. Wo genau und wann, das weiß man nicht.
„Wann ist denn nun endlich Bescherung?“ fragt Tante Elli.
Fienchens Mutter gibt sich geschlagen.
„Aber erst singen wir noch ein paar Weihnachtslieder. Fienchen setzt sich ans Klavier. Unsere Gäste sollen doch einen guten Eindruck von deutschen Weihnachten bekommen.“
„O du fröhliche…“
„Stille Nacht…“
„Süßer die Glocken nie klingen…“
Und dann klingt das Glöckchen. Fienchens Mutter hat das Weihnachtszimmer geschmückt, während die anderen noch um Fienchen herum am Klavier stehen und singen.
Das Glöckchen ist das Zeichen.
Nun kann es losgehen.
Fienchen bekommt endlich die Gitarre, die sie sich immer gewünscht hat.
Sie ist selig.
Wochenlang hatte sie ihren Eltern damit in den Ohren gelegen.
Und schließlich hatte sie ihren Federballschläger genommen und ein Gummiband drum gespannt. Und damit hatte sie sich täglich im Wohnzimmer vor den Eltern aufgebaut und dort grauenhafte Katzenmusik erzeugt.
Es hat geklappt.
Die Eltern hatten ein Einsehen.
Und gestern Abend?
Gestern Abend war es so, wie Fienchen sich Weihnachten gewünscht hat. So wie sie es von zu Hause kennt.
Und völlig entspannt.
Schon am Montag hatte sie alles vorbereitet.
Grünkohl gekocht wie es in Schleswig-Holstein am Weihnachtsabend Brauch ist
Ihre Schwaben waren etwas erstaunt, aber dann bereit, es zu probieren. „Ich hab Grünkohl früher immer für unsere Kaninchen angebaut“, erzählt Jürgen. „Bis mein Vater mir erzählt hat, dass man das essen kann.“ Er grinst und sagt, er habe es probiert und er mag es. Prima. Fienchen freut sich. Lukas, Paul und Viola werden es sicher auch gern essen, sagt Bärbel. Die mögen so etwas.
Martins Mutter hat noch nie Grünkohl gegessen. Der Vater auch nicht.
Irgendwann ist eben immer das erste Mal.
Der Holzherd brennt. Die Familie kommen.
Die Kerzen brennen.
Die Männer – vor allem der Opa – sind ein bisschen zappelig.
Drei Generationen – Opa, Vater, Enkel – gehen einmal ums Dorf, während Oma und Schwiegertochter Häkelanleitungen austauschen.
Und dann wird das Haus voll.
Genau wie früher. Zehn Personen am Tisch. Großeltern, Eltern und jede Menge Jungvolk.
Und schließlich kommen noch mehr Freunde.
Erst ganz zum Schluss kommt Fienchen dazu, ihre Päckchen auszupacken.
Es ist friedlich.
Es ist Weihnachten.
Fienchen steht auf, macht Tee, füllt Katzenfutternäpfe, leert Katzenklos.
Inzwischen ist es hell geworden.
Ein neuer schöner Weihnachtstag beginnt.