-Kommentar –

Digitalisierung: weniger Bürokratie – mehr Risiko?

Bürgermeister Hahn zeichnet das Bild einer modernen, bürgernahen Verwaltung der Zukunft. Doch auf dem Weg dorthin lauern Fragen, die nicht wegzudiskutieren sind.

Kommentar von Regina Störk

Reutlingens Erster Bürgermeister Robert Hahn hat in der Sitzung eine Vision skizziert, die auf den ersten Blick überzeugend klingt: eine vollständig digitalisierte Verwaltung, in der Urkunden bequem online beantragt werden können, jeder Bürger eine eindeutige ID erhält und alle Daten zentral abrufbar sind. Behördengänge würden damit weitgehend überflüssig. Was bleibt, sind die Bezirksämter als Anlaufstellen für persönliche Beratung und bürgerschaftliches Engagement.

 „Datenschutz-Brandmauer“

Soweit die Theorie. In der Praxis jedoch steht dem Vorhaben – wie Hahn selbst einräumte – noch die „Datenschutz-Brandmauer“ entgegen. Und das aus gutem Grund. Ich habe viele Jahre hauptberuflich in der IT-Sicherheit gearbeitet und weiß aus eigener Erfahrung: Zentralisierte Datenspeicherung ist immer auch ein  zentralisiertes Risiko. Im Laufe meiner Berufsjahre habe ich zahlreiche Hackerangriffe erlebt, die komplette IT-Systeme lahmgelegt und Daten unwiederbringlich vernichtet haben – und diese Vorfälle sind mit den Jahren nicht seltener, sondern häufiger geworden. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, das gilt für Papierakten ebenso wie für digitale Systeme. Aber die Schadensdimension eines erfolgreichen Angriffs auf eine zentrale Bundesdatenbank ist eine ganz andere.

 

Für mich gibt es aber noch eine zweite Dimension, die in der Debatte zu kurz kommt: die menschliche. Ich fühle mich im Degerschlachter Bezirksamt schlicht gut aufgehoben. Ich komme mit einer Frage – und gehe mit einer Antwort. Ohne Warteschleife, ohne Menübaum, ohne das Gefühl, zwischen Zuständigkeiten zerrieben zu werden. Dieser persönliche Kontakt ist für mich kein netter Bonus, sondern ein echter Wert. Und ich wäre wirklich froh, wenn er bei all den Überlegungen zur Modernisierung nicht still und leise auf der Strecke bliebe.

„Digitalisierung darf kein Deckmantel für den schleichenden Rückzug der Verwaltung aus der Fläche werden.“

Fortschritt und Bürgernähe schließen sich nicht aus. Aber sie verlangen sorgfältige Abwägung – und ehrliche Antworten auf unbequeme Fragen, findet

Eure Eulalia, die Eulenfrau aus Degerschlacht