Wildsaua und andere Narren

Kinderfasching am Nachmittag, Nacht der Narren am Abend – dazwischen Begegnungen, Gespräche, Musik, Kostüme und jede Menge Organisation im Hintergrund.
Auf dieser Seite findet ihr Beiträge über den Kinderfasching der Degerschlachter Wildsaua, die Nacht der Narren, besondere Vereinsnamen und ein paar Hintergrundinformationen zur Geschichte des Narrenvereins Degerschlachter Wildsaua e. V.
Zusammen ergeben sie Eindrücke von einem Fasnetswochenende, wie es in Degerschlacht gefeiert wurde.

Wie dend Wildsaua? – Se grunzend!

Was schön ist. Denn seit inzwischen 24 Jahren sind sie wieder da – die Wildsaua in Degerschlacht.

Angefangen hat alles vor gut hundert Jahren. So zumindest ist es in der Vereinsgeschichte der Degerschlachter Narrenzunft zu lesen. Damals hieß der Ort noch Tegirslath. Eine Siedlung am großen Waldschlag, mit feuchten, nährstoffreichen Böden und ausgedehnten Wäldern. Ein idealer Lebensraum für Wildschweine. Sie fühlten sich hier, könnte man sagen, sauwohl.

Mit der großflächigen Rodung des Gebiets änderte sich das. Der Wald verschwand, die Siedlung wuchs – und mit ihr verschwanden viele der ursprünglichen tierischen Bewohner. Auch die Wildsaua verloren ihren Lebensraum.

Zehn Freunde

Zehn Freunde waren es, die 2002 die Idee hatten, die Wildsaua symbolisch zurück nach Degerschlacht zu holen. Mit der Gründung der Degerschlachter Narrenzunft Wildsaua begann etwas, das weit über eine Fasnachtsidee hinausging.

„Wir waren damals jung und ungebunden“, erzählt Jens Bintakies, eines der Gründungsmitglieder. Die zehn Männer hatten Spaß miteinander, Lust am Feiern und den Wunsch, etwas gemeinsam aufzubauen. Dass daraus ein Verein entstehen würde, der heute fest im Dorf verankert ist, war damals wohl kaum absehbar.

Anfangs reine Männersache

Anfangs war die Wildsaua eine reine Männersache. Frauen spielten zunächst keine Rolle. Doch die Freunde wurden älter, gründeten Familien, bekamen Kinder. Heute zählt der Verein 31 erwachsene Mitglieder und 38 Wildsaua-Kinder. Um Nachwuchs muss sich der Verein also keine Sorgen machen.

Einfach machen

Dass Gemeinschaft für die Wildsaua mehr bedeutet als nur Feiern, zeigte sich gleich zu Beginn des Fasnetswochenendes. Bevor Zelt und Technik aufgebaut wurden, räumten die Mitglieder erst einmal rund um die Altglascontainer auf. Über die Feiertage hatten sich dort wieder Unmengen leerer Flaschen angesammelt – daneben, darauf, drum herum. Weil die Technischen Betriebe mit dem Durst der Degerschlachter offenbar erneut überfordert waren, griffen die Wildsaua selbst zu.

Kein großes Aufheben, kein Kommentar. Einfach machen.
Auch das gehört inzwischen zur Geschichte der Wildsaua.

Nacht der Narren
Degerschlacht feiert

Eulen und Füchse, Kräuter- und andere Hexen, Schlosswölfe, Waldgeister, Bisamratten und Neckar-Bätscher – die Narrenzünfte kamen von überall her und freuten sich darauf, gemeinsam zu feiern.

Schon auf dem Weg zur Halle, vor dem Eingang und später drinnen kamen die Feiernden schnell miteinander ins Gespräch. Um mitfeiern zu dürfen, hatten die Narren Kostümzwang angeordnet, und die fantasievollen Verkleidungen machten es den Gästen leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Nicht immer war auf den ersten Blick zu erkennen, welches Kostüm da gerade vor einem stand. Aber genau das machte den Reiz aus.

Häschen oder Zebras?

Drei junge Frauen mit gestreiften Öhrchen auf dem Kopf, innen rosa, dazu schwarz-weiße Tüllröckchen, blieben stehen, als ich sie fragte, ob ich sie fotografieren dürfe.

„Kannst du raten, was wir sind?“, fragten sie und steckten die Köpfe zusammen. Ich war ratlos und tippte vorsichtig auf „Häschen?“
Die drei lachten laut los. Es waren Zebras.

Ab 19 Uhr hatten die Degerschlachter Wildsaua zur Nacht der Narren eingeladen. Die Organisation lief reibungslos. Einlass, Getränke- und Essensausgabe funktionierten ohne lange Wartezeiten. Niemand musste hungrig oder durstig feiern.

Perfekte Organisation

Ordnungshüter achteten darauf, dass leere Flaschen dorthin zurückkamen, wo sie hingehörten, und Einweggeschirr von Pommes, Roter Wurst und Käse ordnungsgemäß entsorgt wurde. Sanitäter standen bereit, damit nichts passierte, falls etwas passierte.

Aber es passierte nichts.

Guggenmusik und Männerballett

Zahlreiche Fasnachtsvereine aus der Region waren der Einladung gefolgt und sorgten für ein abwechslungsreiches Programm. Auf der Bühne wechselten sich Guggenmusik, Lumpenkapellen, Show-, Häs- und Hexentänze ab. Die Männergruppen der Betzinger Krautskräga und der Spitzbuaba Sonnenbühl präsentierten ihre mehr oder weniger eleganten Ballettaufführungen. So, wie Männer eben tanzen. Und bekamen dafür jede Menge Applaus.

Tanz im Zelt

Während die verschiedenen Narrengruppen ihr Publikum in der Auchterthalle mit ihren Vorführungen fesselten, nutzte die bunte Gesellschaft im Zelt die Gelegenheit, ausgelassen zu tanzen. Das Zelt hätte gut noch ein bisschen größer sein können, um alle Feiernden zu fassen.

Nach Ende des Festes übernahmen rund 20 Mitglieder der Degerschlachter Narrenzunft das Aufräumen. Zehn Wildsaua waren dann am Sonntag schon wieder früh aufgestanden, um dafür zu sorgen, dass alles so hinterlassen wurde, wie sie es vorgefunden hatten.

Ordentliche Wildsaua

Wobei das nicht ganz stimmt:

Sie haben den Platz besser hinterlassen als zuvor. Schließlich hatten sie bereits vor Beginn der Veranstaltungen rund um die Altglascontainer aufgeräumt.

Kinderfasching der Wildsaua – bunt, laut und ziemlich fröhlich

„Tschau, wir sehen uns erst am Montag“ und „Wir essen Schokolade“ schallte es aus den Lautsprechern der Auchterthalle. Auf der Tanzfläche sangen, klatschten und tanzten Prinzessinnen, Marienkäfer, Piraten, Katzen, Kühe und ein Einhorn fröhlich mit. Auch ein junger Mann im grünen OP-Hemd und mit Mundschutz war unter den Gästen. Das war ja auch gut. Man weiß schließlich nie, wozu man so jemanden noch brauchen kann.

Ein Weihnachtsmann zum Fasching?

Ein Weihnachtsmann war auf dem Kinderfaschingsfest ebenfalls gesichtet worden. Bevor sich allerdings klären ließ, ob er sich im Datum geirrt hatte oder einfach schon einmal fürs nächste Mal hören wollte, was sich Kinder so wünschen, war er wieder verschwunden.

Zum ersten mal ein Wildsaua-Kinderfaschingsfest

Die Wildsaua-Kinder hatten am Samstag ihr erstes eigenes Kinderfasching seit es die Degerschlachter Wildsaua gibt und standen deshalb dann auch zum ersten Mal selbst auf der Bühne. Die drei- bis zehnjährigen Kinder zeigten, dass sie den Großen in ihrem Häs in nichts nachstanden: mit Tanz, Pyramide und zahlreichen akrobatischen Kunststücken. Der Beifall war entsprechend groß. Dass sie bei ihrer Pyramide oben genauso gute Laune hatten wie unten, wurde spätestens bei der Zugabe deutlich.

Sickenhäuser Wölfe und Zigeunerinsel Stuttgart

Auch eine ganze Reihe Gäste waren eingeladen. Die Sickenhäuser Wölfe traten ebenfalls im Häs auf und begeisterten das Publikum. Die Freude an der Sache war ihnen deutlich anzusehen.

Mit sechs Tänzerinnen zwischen fünf und neun Jahren war außerdem die Jugendtanzgarde der Zigeunerinsel Stuttgart zu Gast. Begleitet wurden sie von einem Betreuer und ihren beiden Trainerinnen Amelie und Vanessa.
„Die Jungs haben weniger Interesse am Tanz“, erklärten die beiden. Deshalb standen auch diesmal ausschließlich Mädchen auf der Bühne.

Schni-, Schna-, Schnappi und Käse mit Löchern

Mit „Schni-, Schna-, Schnappi“ und Löchern, die aus dem Käse flogen sorgte DJ Ernst O. gemeinsam mit seiner Tochter für gute Laune. Die Kinder klatschten und winkten, liefen in Polonaisen durch den Saal und hatten sichtlich Freude am Feiern.
„Mir macht das einfach Spaß“, strahlte der DJ – und genau das war ansteckend.

Am Ende wurde auch das schönste Kostüm prämiert. Gewonnen hatte diesmal ein kleines Reh.

Degerschlachter Gäste mit Geschichte: Zigeunerinsel Stuttgart

Der Auftritt der Jugendtanzgarde der „Zigeunerinsel Stuttgart“ beim Kinderfasching in Degerschlacht wirft bei manchen Fragen auf. Der Name des Vereins kommt heute nicht mehr so selbstverständlich über die Lippen.

„Wir werden deshalb tatsächlich oft angegriffen“, berichten Amelie und Vanessa, die beiden Trainerinnen der Jugendtanzgarde. Das sei nicht immer so leicht wegzustecken. Doch der Verein steht zu seinem Namen. „Schließlich ist der Name einfach historisch begründet und hat Tradition.“

Mittelalterlicher Name für eine Region

Die Geschichte des Vereins reicht bis ins Jahr 1910 zurück. Der Bürgerverein des Stuttgarter Westens trägt den Namen „Zigeunerinsel Stuttgart“ seit seiner Gründung. Das Gebiet, auf dem das Vereinsheim steht, wurde bereits im Mittelalter durchziehenden Roma und Sinti als Lagerplatz zugewiesen, da sie nicht innerhalb der Stadtmauern übernachten durften. Daraus entstand die Bezeichnung „Zigeunerinsel“, ist auf der Homepage des Vereins zu lesen.

1910 gegründet

Als 27 Männer 1910 den Bürgerverein gründeten, übernahmen sie diesen Ortsnamen. Er ist historisch gewachsen und beschreibt einen Ort – nicht eine Haltung.

Auch wenn der Begriff heute für viele nicht mehr zeitgemäß ist, hat sich der Verein bewusst entschieden, den Namen beizubehalten. „Es ist ein netter Verein mit netten Mitgliedern“, betonen die Trainerinnen.

Der historische Kontext erklärt den Namen – er entschärft ihn vielleicht nicht automatisch. Aber ordnet ihn zumindest ein.

Wiener Schnitzel mit Pommes statt Zigeunerschnitzel

Wiener Schnitzel mit Pommes ist den beiden Trainerinnen übrigens trotzdem lieber als Zigeunerschnitzel.